Ausnahmefall wird zum Politikum

18. Januar 2017 | Von | Kategorie: Aktuell

Unterricht – Wissenschaftler warnen vor Debatte um verschleierte Schülerin
Politiker streiten um den richtigen Umgang. In diesem Fall trifft Religionsfreiheit auf Bildungsauftrag.

18.1.17 – Im politischen Streit um eine vollverschleierte Schülerin aus Belm bei Osnabrück haben Wissenschaftler vor der Gefahr einer Radikalisierung gewarnt. Der Islamismus-Experte Werner Schiffauer von der Universität Frankfurt/Oder lehnt eine politische Diskussion um die vollverschleierte Zehntklässlerin, die seit drei Jahren mit einem Nikab im Unterricht sitzt, ab.
Es. sei aus pädagogischen Gründen nicht sinnvoll, aus dem Fall eine „Staatsaffäre“ zu machen. Eine große Bühne verhindere eine Lösung im Sinne des Mädchens. „Ich habe immer ein Problem, wenn Integration prinzipienreiterisch verfolgt wird“, sagte er. Das Anlegen des Nikab könne aus Sicht des Mädchens viele Gründe haben. Er würde zu einem „weichen Kurs“ raten und das Mädchen nicht unter Druck setzen, was sie weiter von der Gesellschaft entfremde.

Nachdem der Fall im Herbst bekannt wurde, zeigte sich die Opposition im niedersächsischen Landtag empört. Die CDU-Fraktion warf Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) in der Sache „Nichtstun“ vor und forderte sogar eine Anklage gegen sie wegen vorsätzlicher Verletzung ihres Amtseides. Angefeuert wurde die Debatte noch, als bekannt wurde, dass die Familie der 16-Jährigen vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Vater und Bruder des Mädchens sollen Mitglieder der in Deutschland verbotenen islamistischen Organisation „Kalifatstaat“ sein und Kontakt zu einem Gefährder gehabt haben.
Die islamische Theologin Silvia Horsch von der Universität Osnabrück sieht in der Debatte „Symbolpolitik“. Von den muslimischen Frauen trüge nur eine Minderheit ein Kopftuch, und davon sei es wiederum eine verschwindend kleine Minderheit, die einen Gesichtsschleier anlege. „Verbote werden breit diskutiert, weil es Ängste in der Bevölkerung vor einer Islamisierung gibt“, vermutet Horsch. Problematisch sei, dass Dinge verboten werden sollen, die als Symbole des muslimischen Glaubens wahrgenommen werden. Das werde von Betroffenen durchaus als Ablehnung des Islam interpretiert. Die Burka- und Nikab-Debatte könnte daher zu einer weiteren Radikalisierung beitragen.

Die Diskussion in Niedersachsen ist eingebettet in einen europaweiten Streit um den Umgang mit Kopftuch und Verschleierung. In Frankreich ist das Tragen der Burka verboten. Norwegen will den Nikab aus Schulen und Universitäten verbannen, auch die Niederlande wollen Nikab und Burka verbieten. Die Bundesregierung plant ein Verschleierungsverbot für Beamte, die CDU in Niedersachsen will Kopftuch und Schleier in Gerichten verbieten lassen.

(Quelle: Ostfriesenzeitung, 18.1.17)

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