Eltern wollen bei Schulstoff eingebunden werden

16. Januar 2017 | Von | Kategorie: Region

Diskussion Finkenburgschule seit Sommer „hausaufgabenfrei“ – Bildungsjournalist Himmelrath verteidigte das Projekt
Nun müssten die Eltern einen „Aufgabenkatalog“ abarbeiten. Die Kinder könnten jetzt nicht mehr kontrolliert werden.

14.1.17 –  „Wir müssen noch nachjustieren“, sagte Reinhard Rommel, Leiter der Finkenburgschule, am Mittwochabend am Ende einer langen Diskussionsrunde mit knapp 100 Eltern in der Schulmensa. Es ging um die mit Beginn dieses Schuljahrs nicht mehr aufgegebenen Hausaufgaben, die Bildungseinrichtung startete ein bislang einzigartiges Projekt im Harlingerland. Rommel selbst verteidigte seine Idee von der „hausaufgabenfreien“ Schule und hatte zu seiner Unterstützung den Kölner Bildungsjournalisten Armin Himmelrath eingeladen, der viele gegen Hausaufgaben sprechende wissenschaftliche Erkenntnisse mitgebracht hatte. Aber die in der Aussprache zum Teil harsche Kritik der Eltern an der praktischen Umsetzung an der Wittmunder Grundschule veranlasste Rommel letztlich zu dem obigen Zitat.

Doch zunächst hatte Himmelrath seinen Auftritt. Selbst dank eines erfolgreich absolvierten Lehramtsstudiums und drei eigener Kinder mit pädagogischen Erfahrungen versehen, beschäftigt sich der Journalist seit 20 Jahren mit dem Thema „Hausaufgaben“. Ursprünglich habe er ein Sachbuch zudem Thema schreiben wollen, daraus wurde  dann ein Werk mit dem vielsagenden Titel „Hausaufgaben – Nein danke!“. Die erste belegbare Quelle für Hausaufgaben stammt laut Himmelrath aus dem Jahr 1448, seit 1880 gebe es wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Thema. Der Journalist unternahm mit den Gästen einen Ritt durch die Forschungserkenntnisse der Vergangenheit, Ergebnis: „Es gibt keinen signifikanten Einfluss von Hausaufgaben auf das Lernverhalten und keine belegbaren Erfolge.“ Man habe sogar festgestellt, dass Schüler ohne Hausaufgaben motivierter seien und zu Hause mehr lesen würden.
Außerdem, fuhr der Bildungsjournalist fort, passten Hausaufgaben nicht mehr in die Schule der Gegenwart. Aufgrund der Inklusion und dem Trend zu vereinheitlichenden Schulformen müssten Lehrer in den Stunden verstärkt mit Heterogenität umgehen und Schüler einer Klasse differenziert unterrichten. Hausaufgaben würden dagegen einheitlich gestellt und widersprächen dem heutigen Bild von Schule.

Schlecht informiert

Einen weiteren Aspekt brachte Rektor Rommel selbst ein: „Bei uns müssen jetzt keine Hausaufgaben mehr erklärt, kontrolliert und sanktioniert werden.“ Dadurch könnten pro Woche zwei Unterrichtsstunden eingespart werden, die nun genutzt würden, um die Schüler differenziert in den Fächern Deutsch und Mathe zu fördern. Die Lehrerschaft sei mit der seit Sommer verlaufenden Testphase absolut zufrieden.
Dass offensichtlich große Teile der Elternschaft ein anderes Zwischenfazit ziehen, wurde in der anschließenden Diskussion deutlich. Zunächst kritisierten einige Erziehungsberechtigte, dass sie im Vorfeld schlecht informiert worden seien. Einige gaben an, davon erst aus der Zeitung erfahren zu haben. Und wenn auch die Schüler jetzt keine Hausaufgaben mehr hätten – die Eltern hätten dafür im Gegenzug mit ihren Kindern einen umfangreichen „Aufgabenkatalog“ abzuarbeiten. „Damit fühle ich mich überfordert. Ich weiß gar nicht, was ich da alles machen soll“, klagte etwa Elena Boger. Andere Eltern gaben an, sich ohne Hausaufgaben orientierungslos bezüglich des aktuell durchgenommenen Schulstoffs und des Leistungsstands ihres Kindes zu fühlen. Man sei einer Kontrollfunktion beraubt worden. Frank Ahlvers sagte in Anspielung auf Himmelraths gesammelte Forschungsergebnisse, es gebe auch keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Wiederholen schlecht fürs Lernen sei. Andreas Steher dürfte vielen Anwesenden aus der Seele gesprochen haben, als er die mangelhafte Einbindung der Elternschaft in das Projekt ansprach. „Es muss deutlich werden, dass das eine Chance ist. Wir hatten damals noch Druck in der Schule. Die Kinder lernen das Lernen nicht mehr.“
Zwar stärkten auch einige Erziehungsberechtigte dem Schulleiter den Rücken und sprachen von positiven Erfahrungen in der „hausaufgabenfreien“ Testphase. Doch an einer Problematik kam an dem Abend niemand vorbei: Die Finkenburgschule steht mit ihrer Idee alleine im Harlingerland da. Kein Vertreter einer anderen Schulleitung zeigte sich auf der Veranstaltung, Rommel zeigte sich davon enttäuscht. Stefan Grünjes äußerte eine Befürchtung: „Andere Grundschulen machen bei diesem Projekt nicht mit. Wie mag es unseren Kindern dann an den weiterführenden Schulen ergehen?“
Am 23. Januar wird nun an der Finkenburgschule die Gesamtkonferenz über eine Fortsetzung der „hausaufgabenfreien“ Zeit entscheiden. Das Lehrer-Eltern-Verhältnis liegt in dieser Konferenz übrigens bei drei zu eins.

(Quelle: Anzeiger für Harlingerland, 14.1.17)

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