„Landflucht“ der Lehrer trifft Schulen

11. August 2016 | Von | Kategorie: Region

Bildung Unterrichtsversorgung im Landkreis Wittmund droht zu sinken
Der KGS-Schulleiter fordert, darüber nachzudenken, Lehrer aufs Land abzuordnen.

6.8.16 -Das neue Schuljahr beginnt mit einem alten Problem. „Ich habe drei unbesetzte Stellen“, sagt Uwe Brauns (Bild), Schulleiter der KGS Wittmund, „abgesehen von der Fächerkombination Deutsch/Geschichte ist jede vom Lehrermangel betroffen.“ Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) hat am letzten Tag der Sommerferien zwar einen „17-Punkte-Aktionsplan“ vorgestellt (wir berichteten), Brauns verspricht sich aber nicht allzu viel davon. Es werde dabei außer Acht gelassen, dass es sich um ein Stadt-Land-Missverhältnis handele.
Unter anderem geht aus dem Papier hervor, dass Quereinsteigern der Weg als Lehrer in die Klassenzimmer erleichtert werden soll. „Für das Fach Physik klappt nicht einmal das“, erklärt der Schulleiter.
Im Bildungsministerium verweist Pressesprecher Sebastian Schumacher indes auf das noch laufende Stellenbesetzungsverfahren, das erst Anfang September abgeschlossen sei. Die „Landflucht“ der Pädagogen ist allerdings auch dort ein Thema, gesteht Schumacher. Lehrer bewerben sich eher in urbanen Ballungszentren – etwa in Oldenburg und Umgebung – um Arbeitsplätze.
Hier fordert der Wittmunder Schulleiter anzusetzen: „Mittelfristig muss man im Ministerium darüber nachdenken, ob Lehrer in die ländlichen Räume abgeordnet werden“, betont er, „es kann nicht sein, dass es in den Städten ein Überangebot gibt und die Kinder auf dem platten Land in die Röhre gucken.“ Die Unterrichtsversorgung an der KGS droht, unter 98 Prozent zu sinken – sie ist nicht die einzige betroffene Schule im Landkreis Wittmund.

 

Im Landkreis Wittmund droht die große Leere

Lehrermangel Schulleiter können offene Stellen nicht besetzen – 17-Punkte-Plan soll Abhilfe schaffen – Stadt-Land-Problem
Die urbanen Ballungszentren bereiten den Schulleitern im Landkreis Wittmund Kopfzerbrechen.

Bis Mitte August wird Uwe Brauns wissen, wie es um die Unterrichtsversorgung in seinem Hause steht. Die Landesschulbehörde spielt auch der KGS Wittmund (Alexander-von-Humboldt-Schule) eine Software zu, mit dem das Kollegium einen prozentualen Wert errechnen soll. „Wir werden sicher unter 98 Prozent rutschen“, gibt sich der Schulleiter keinen Illusionen hin. Drei offene Stellen konnte Brauns nicht besetzen, es fanden sich keine Bewerber.

Lehrermangel ist kein Problem der Zukunft

Der Lehrermangel ist damit kein Problem der Zukunft, zumindest im Landkreis Wittmund ist er bereits gegenwärtig. Auch Peter Sörnsen, Rektor der Carl-Gittermann-Real-schule, musste bereits vor dem Beginn des neuen Schuljahres umdisponieren. „Unser Stundenplan war soweit fertig“, erzählt Sörnsen, „dann hat mich die Nachricht erreicht, dass ich einen Kollegen an die Hauptschule abordnen muss.“ Zehn Stunden entfallen, eine halbe Lehrstelle ist damit vakant. Eigentlich sollte er sogar einen Lehrer komplett abordnen.
Der Esenser Schulleiter folgt damit einer vom Kultusministerium vorgeschlagenen Praxis: „Schulen helfen Schulen“ heißt es unter Punkt zehn des „17-Punkte-Aktionsplanes zur Lehrkräftegewinnung“, den Niedersachsens Bildungsministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) unter großem medialen Interesse in Hannover vorgestellt hat. Für die Carl-Gitter-mann-Realschule bedeutet das nichts anderes als, dass in ihrem Kollegium ein ohnehin bestehendes Personalproblem vergrößert wird, um ein anderes andernorts zu verkleinern.

„Interessen des Lehrers abwägen“

„Natürlich sollen die Lehrer dorthin gehen, wo sie gebraucht werden“, sagt Sebastian Schumacher, Pressesprecher im Kultusministerium. Über die erforderlichen Personalmaßnahmen entscheidet die Landesschulbehörde. „Bei unterdurchschnittlich versorgten Bereichen und bei Schulformen mit einem Bewerbermangel ist zwischen den dienstlichen Interessen und den Interessen der betroffenen Lehrkraft    abzuwägen“, schreibt er.
Die persönlichen Interessen der Lehrer bedeuten oftmals, eher auf eine Stelle in urbanen Ballungszentren zu hoffen, als sich in der Provinz zu bewerben. „Das ist ein ganz klares Stadt-Land-Problem“, betont Uwe Brauns, „das sich in den zehn Jahren, in denen ich Schulleiter bin, stetig verschlimmert hat.“ Die IGS in Wilhelmshaven habe alle zwölf Stellen besetzen können. „Und warum?“, fragt er rhetorisch, „weil man mit dem Zug oder über die Autobahn bequem nach Oldenburg kommt.“ Deshalb plädiert Brauns dafür, im Kultusministerium darüber nachzudenken, Lehrer in die eher ländlichen Regionen abzuordnen, um den Mangel einzudämmen. „Zwang ist immer zweischneidig“, gibt indes Sörnsen zu bedenken, „andere Ansätze halte ich für sinnvoller.“ Etwa das Lehramt auf dem Land mit Boni und guten Lehrbedingungen attraktiver zu machen.
Zunächst aber sinkt seine Unterrichtsversorgung vermutlich auf 97,3 Prozent. Jammern wolle er dennoch nicht, sagt der Schulleiter: „Uns geht es noch verhältnismäßig gut.“ Das Nachmittagsangebot seiner Schule wird er trotzdem ausdünnen müssen. Die Lehrer werden an anderer Stelle dringender gebraucht.

(Quelle: Anzeiger für Harlingerland, 6.8.16)

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