Förderschule schließt Außenstelle

16. Juni 2016 | Von | Kategorie: Region

INKLUSION Künftig keine Förderklassen mehr an der Grundschule Westerholt
Lehrkräfte an den Grundschulen müssen Spagat zwischen Kindern mit Hochbegabung und Lernschwäche leisten.

14.6.16  – Die seit 41 Jahren bestehende Außenstelle des Förderzentrums Esens an der Grundschule Westerholt in der Samtgemeinde Holtriem wird geschlossen. „Das ist die konsequente Umsetzung der Landespolitik“, sagt Matthias Regner, Leiter des Förderzentrums Esens, in einem Pressegespräch. Gemeint ist damit das niedersächsische Schulgesetz, das seit 2013 alle öffentlichen Schulen zu inklusiven Schulen macht. Das bedeutet, Eltern von Kindern mit einem festgestellten Förderbedarf haben die Möglichkeit, ihr Kind an einer Schule ihrer Wahl anzumelden.
1975 wurde an der Grundschule Westerholt die Außenstelle als eigenständig integrierter Teil eingeführt. Doch die Landesschulpolitik hat sich verändert, erklärt Regner. Dem müssen sich die Schulen jetzt anpassen.
Kinder mit Förderbedarf der Grundschulen Utarp/ Ochtersum, Blomberg/Neuschoo, Westerholt/Willmsfeld und Dornum wurden Jahrzehnte lang am Standort Westerholt in eigenen Klassenverbänden von Förderschullehrern unterrichtet. Diese Klassen fallen nun weg. Stattdes-sen werden die Grundschüler nun an den einzelnen Grundschulstandorten gefördert. Sie nehmen, wie alle anderen auch, am regulären Unterricht teil.
Die Förderschule Esens versorgt derzeit jede Grundschulklasse wöchentlich mit zwei Förderstunden. „Das ist die Grundversorgung, die wir leisten“, erklärt Regner.
Die Pädagogen des Esenser Förderzentrums übernehmen an den Grundschulen nun vorrangig beratende Tätigkeiten und stehen den Lehrkräften, den Grundschülern sowie den Eltern helfend zur Seite. „Das wird mit der Zeit wachsen“, ist Regner zuversichtlich. „Die Grundschulen entwickeln mehr und mehr die sozialpädagogische Kompetenz.“ Dennoch sei es für sie ein Spagat, den sie zwischen Kindern mit Hochbegabung und Lernschwäche leisten müssten.

Inklusion sorgt für Wandel an Schulen

Pädagogik Außenstelle des Förderzentrums Esens fällt in Westerholt weg – Lehrkräfte verstärkt gefordert
Schüler mit Lernschwächen werden nicht mehr in extra Förderklassen unterrichtet. Sie nehmen wie alle anderen am regulären Unterricht teil.

– Im März 2012 hat der niedersächsische Landtag mit großer Mehrheit für die Einführung der inklusiven Schule gestimmt. Und seit August 2013 nehmen Grundschulen und weiterführende Schulen alle Schüler mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Förderschwerpunkt Lernen im ersten Schuljahr auf.
Das gilt auch für die Grundschulen der Samtgemeinde Holtriem sowie für die Grundschule der Gemeinde Dornum. Seit 1975 wurden die Kinder mit Förderbedarf aus Dornum und Holtriem zum Standort Westerholt geschickt. Dort war vor 41 Jahren eine Außenstelle des Esenser Förderzentrums als ein eigenständig integrierter Teil eingerichtet worden. Der Schulleiter der damaligen Esenser Förderschule, der Grundschulleiter Kurt Stalling und der erste Förderschullehrer in Westerholt (von 1975 bis 2004), Dieter Ludwigs, initiierten damals gemeinsam das „Holtriemer Modell“, das zu der Zeit einmalig war und dank des damaligen Mitglied des Landtages, Udo Köneke (Blomberg), auch im Landtag seine Wellen schlug. Bis heute blieb dieses Modell bestehen.
Mit dem „Holtriemer Modell“ sei man damals sehr fortschrittlich gewesen und habe schon früh Integration betrieben, sagt Matthias Regner, Leiter des Förderzentrums Esens. Doch die Landesschulpolitik habe sich nun weiterentwickelt, und die Schulen müssten sich dieser Entwicklung anpassen.
Die Inklusion an den Holtriemer Grundschulen geht im kommenden Schuljahr ins vierte Jahr. Dann verlässt die letzte Förderklasse in Jahrgang vier die Schule, in der derzeit zehn Schüler unterrichtet werden. „Wir haben immer zwei Förderklassen gehabt, manchmal sogar drei“, berichtet Marlies Becker, Leiterin der Grundschule Westerholt. Sie befürchtet, dass durch die neue Aufteilung die Kinder weniger gefördert werden, weil nun auch die Lehrkräfte verstärkt gefordert seien. Doch faktisch, so Matthias Regner, sei die Gesamtstundenanzahl der Förderung nun sogar höher. Pro Klasse und Woche leiste das Förderzentrum die Grundversorgung von zwei Unterrichtsstunden, das mache bei acht Grundschulklassen an einem Standort 16 Stunden in der Woche.
Frauke Geiken erinnert sich an das Zitat eines Schülers: „Er sagte, dass er zuhause seine richtige Familie habe, doch seine Förderklasse sei seine zweite Familie“, erzählt die Pädagogin, sichtlich gerührt. Sie ist schon seit gut 16 Jahren Lehrerin in Förderschulklassen und ist von dem Modell sehr überzeugt. Sie und ihre Kollegen, wie der Förderschullehrer Robert Schiller, sind im Lehrerkollegium der Grundschule fest integriert. Da diese Klassen nun durch die Einführung der inklusiven Schulen wegfallen, übernehmen die Pädagogen hauptsächlich beratende Tätigkeiten und bieten zudem noch Inklusionsstunden an.
Es liege nun an den Schulen, was sie aus der Unterstützung des Förderzentrums machen. „Die Schulleiterin spricht gemeinsam mit dem Förderschulpädagogen ab, wie die Stunden und Aufgaben aufgeteilt werden“, erklärt Regner. „Wir unterrichten in der Form wie bislang keine Schüler mehr. Durch die inklusive Schule laufen die Förderschulen aus.“ Das neue Konzept verlangt zudem einen intensiven Austausch zwischen den Lehrkräften, um ein Höchstmaß an individueller Förderung sicherzustellen.

(Quelle: Anzeiger für Harlingerland, 14.6.16)

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