GEW: Studie kann Qualität der Bildung nicht messen

2. Januar 2016 | Von | Kategorie: Aktuell

PISA – GEW-Vorsitzender Brandt kritisiert politische Maßnahmen nach dem „Schock“ vor 15 Jahren

2.1.16 FRAGE: Herr Brandt, 2015 wurde die bereits sechste PISA-Studie durchgeführt. Worin liegt der Wert dieser Untersuchungen?
BRANDT: Wir als GEW halten nichts von den PISA-Untersuchungen. Es wird suggeriert, man würde wesentliche Daten erhalten über die Arbeit der Lehrkräfte, über den Erfolg und die Probleme der Schulen, aufgrund derer die Regierungen anschließend handeln und die Lehrkräfte ihren Unterricht verbessern können. Das findet aber gar nicht statt. Diese Kritik haben wir auch schon vor der ersten PISA-Studie geäußert. Wir halten PISA für Geldverschwendung.
FRAGE: Dafür war der Aufschrei nach der ersten PISA-Studie verhältnismäßig groß…
BRANDT: Man dachte immer, Deutschland wäre Spitze. Dabei waren wir nur Mittelmaß –
zumindest nach den Maßstäben, die PISA ansetzt. Ob diese nun richtig sind, ist eine Streitfrage.
FRAGE: Wo liegt denn das Problem dieser Maßstäbe?
BRANDT: PISA ist von der OECD eingerichtet worden, also von einer Wirtschaftsorganisation. Dort war man bis in die 80er Jahre noch überzeugt, dass es bei Bildung vor allem auf den Input ankommt, also auf die Qualität der Lehrkräfte, Lehrpläne, Bildungsangebote. Von dieser Linie hat man sich verabschiedet und sich fortan auf den Output konzentriert. Durch die PISA-Untersuchungen sollte genau diese Steuerungs-Philosophie in den OECD-Staaten legitimiert werden.
FRAGE: Wie hat sich dieser Wechsel in Niedersachsen bemerkbar gemacht?
BRANDT: Durch die Instrumente, die unter Berufung auf PISA, aber ohne logischen Zusammenhang eingeführt wurden: Schulinspektion, Zentralabitur, zentrale Abschlussprüfungen in der Sekundarstufe I und die regelmäßigen Vergleichsarbeiten in der Grundschule und der achten Jahrgangsstufe. Es gab also einen Paradigmenwechsel: Wir messen die Leistung zentral und setzen die Schulen dann in Konkurrenz. Der erste „PISA-Schock“, der nur bestätigte, was bei Experten ohnehin schon bekannt war, wurde dazu benutzt, die Lehrkräfte als Fachleute für Unterrichtsqualität zu delegitimieren. Es wurden die Maßnahmen zur Outputmessung eingeführt, um die Lehrkräfte unter Druck zu setzen. Es war einfach nicht beabsichtigt, sie darin zu bestärken, die Qualität ihrer eigenen Arbeit einzuschätzen und zu verbessern. Das war der bildungspolitische Effekt, der in vielen Bundesländern erreicht wurde – in Niedersachsen unter Schwarz/Gelb sogar ganz extrem.
FRAGE: Aber die PISA-Ergebnisse sind jedes Mal besser geworden…
BRANDT: Das kann man so gar nicht sagen. Es gab jedes Mal veränderte Aufgaben für andere Schülergruppen – die Ergebnisse sind also nicht vergleichbar. Wenn jemand behauptet, die Werte seien besser geworden aufgrund der Politik, die mit PISA gemacht wurde, dann ist das Nonsens. Es wurde lediglich erreicht, dass sich die deutschen Schüler auf vorher unbekannte Aufgabenformate eingestellt haben, weil sie gezielt auf die Tests vorbereitet wurden.
FRAGE: Lässt sich die Qualität von Unterricht überhaupt messen?
BRANDT: Das ist umstritten. Zumal bei PISA nicht die Qualität des Unterrichts gemessen wird, sondern nur, ob Schüler die ihnen gestellten Aufgaben lösen können. Auch über das Zentralabitur kann die Qualität nicht überprüft werden – es gibt nur eine Verflachung des Niveaus. Man muss mehr Stoff durchnehmen, kann aber nicht in die Tiefe gehen. Es bedeutet also sogar eine Qualitätsminderung.

(Quelle: Ostfriesenzeitung, 2.1.16)

Tags: ,

Ein Kommentar
Hinterlasse einen Kommentar »

  1. Das fällt schon auf: Im Jahre 2002 sah die GEW-Einschätzung von PISA ganz, ganz anders aus. Man zeigte sich begeistert, witterte Morgenluft und schrieb unter http://www.gew-berlin.de/2392_2821.php
    „Die Pisa-Studie kann durchaus zur Durchsetzung gewerkschaftlicher Positionen genutzt werden.“
    Das galt alles nur, solange Deutschland hinter Schweden und weit hinter Finnland lag. Bei PISA 2012 lag aber Schweden weit hinter Deutschland und Finnland nur ganz knapp vor Deutschland. Innerhalb Europas war eigentlich nur noch die Schweiz deutlich vor Deutschland, und die hat traditionell unter 20 % eines Jahrgangs an den Gymnasien. Und schon zerplatzt der Traum von den „skandinavischen PISA-Siegern“ mit ihren Gemeinschaftsschulen. Plötzlich sagt man: Nein, nein, wir finden PISA ja gar nicht gut, wenn es nicht der Durchsetzung gewerkschaftlicher Positionen mehr dient. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Schreibe einen Kommentar