Verfehlte Bildungspolitik: Jeder siebte junge Mensch ohne Berufsabschluss

27. Oktober 2015 | Von | Kategorie: Schule

19.10.15 – Es war im Oktober, vor genau sieben Jahren. Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder trafen sich zum Bildungsgipfel und versprachen, die Bildung in Deutschland deutlich zu verbessern – bis 2015.

 Eine aktuelle Bilanz zeigt nun: Die Ziele wurden nicht erreicht. Deutschland ist heute nicht die „Bildungsrepublik“, von der am 22. Oktober 2008 in Dresden geträumt wurde.

Am 3. Dezember werden sich Merkel und die Ministerpräsidenten in Berlin treffen und bei ihrem Jahresendtreffen schauen, was erreicht wurde. Im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hat der Bildungsforscher Klaus Klemm untersucht, was bisher erreicht wurde. Die Ergebnisse werden am Montag in Berlin vorgestellt und dienen auch den Kultusministern als Grundlage für ihre internen Beratungen in dieser Woche.

Klemms Fazit lautet: Es sind noch weitaus mehr Anstrengungen nötig, um die von den Regierungschefs von Bund und Ländern im Oktober 2008 in Dresden formulierten hehren Ziele zu erreichen. Und die DGB-Vizevorsitzende Elke Hannack teilte mit: „Seit dem Dresdner Bildungsgipfel gibt es bei der Kinderbetreuung, in Schulen und Hochschulen die eine oder andere Verbesserung. Doch noch immer läuft vieles unkoordiniert und nebeneinander her.“

Was erreicht werden sollte, und was laut Klemms Bericht erreicht wurde:

Ungelernte: Rund 1,5 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 29 Jahren waren 2008 ohne Berufsabschluss und befanden sich auch nicht mehr in Bildungsmaßnahmen. Ihre Zahl sollte binnen sieben Jahren deutlich reduziert werden. Doch 2013 gehörten noch immer 1,4 Millionen junger Menschen dieser Problemgruppe an – das ist mehr als jeder siebte in dieser Altersgruppe (13,8 Prozent).

Und: Arbeitsmarktprognosen bescheinigen den Ungelernten in Zukunft noch geringere Chancen auf einen Arbeitsplatz. Während die Arbeitslosenquote derzeit bei Menschen mit einer beruflichen Ausbildung bei 5 Prozent und bei Akademikern nur bei 2,5 Prozent liegt, beträgt sie bei Ungelernten 19 Prozent.

Ausbildungsgarantie: Die aktuelle Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt lässt nach Aussage von Klemm wenig hoffen, dass sich die Zahl der Ungelernten in den kommenden Jahren deutlich reduzieren lässt. Zwar klagt die Wirtschaft ständig über fehlende Lehrstellenbewerber, dennoch fanden 2014 erneut 81.000 junge Erwachsene, die zuvor von der Bundesagentur als „ausbildungsreif“ eingestuft worden waren, keine Lehrstelle – bei bundesweit 37.000 unbesetzten Angeboten.

Auch die Zahl der Schulabgänger, die sich wegen mangelnder Ausbildungsreife oder Vermittlungsproblemen in dem sogenannten Übergangssystem von Schule und Arbeitsmarkt befinden, stieg 2014 nach Jahren der Reduktion wieder leicht an – auf 256.110.

Zudem wird es für Hauptschüler immer schwieriger, einen Ausbildungsplatz zu bekommen: Eine aktuelle Analyse von Daten der DIHK-Lehrstellenbörse von Ende März 2015 belegt, dass Hauptschüler nur bei einem Drittel der dort angebotenen knapp 44.000 Ausbildungsplätze überhaupt eine Chance haben.

Ohne Hauptschulabschluss: Die Zahl der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss lag im Jahr 2008 bei acht Prozent oder rund 60.000 jungen Menschen und sollte bis 2015 halbiert werden. Doch die bisher aktuellsten Zahlen von 2013 zeigen: Noch immer sind es 5,7 Prozent beziehungsweise 46.300 Schülerinnen und Schüler, die ihre Schullaufbahn ohne Hauptschulabschluss beenden. Weit mehr als die Hälfte von ihnen besuchen Förderschulen. Das Ziel der Halbierung lässt sich nach Auffassung von Bildungsforscher Klemm nur durch wesentlich mehr Hilfen für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf erreichen.

 Zehn-Prozent-Ziel: In der Öffentlichkeit blieb vom Bildungsgipfel vor allem das Zehn-Prozent-Ziel haften. Kanzlerin und Ministerpräsidenten versprachen, bis 2015 die Aufwendungen für Bildung und Forschung auf zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) zu steigern. „Doch es kann keine Rede davon sein, dass sich die öffentlichen und privaten Bildungsausgaben der 10-Prozent-Zielmarke nähern“, analysiert Klemm.

2013 lag der BIP-Anteil für Bildung bei 9,19 Prozent. Um bis 2015 bei gleicher Wirtschaftsentwicklung das Zehn-Prozent-Ziel zu erreichen, müssen nach Berechnungen jährlich rund 23 Milliarden Euro mehr von Staat und Wirtschaft in Bildung, Wissenschaft und Forschung fließen.

Viele Experten bezweifeln jedoch ohnehin den Sinn der damals in Dresden spektakulär vorgetragenen Zehn-Prozent-Marke: Sinkt nämlich das BIP bei schlechter Wirtschaftsentwicklung, steigt automatisch der Anteil der Ausgaben für Bildung und Forschung – ohne dass auch nur ein Euro mehr in diesen Bereich investiert wird.

(Quelle: http://www.spiegel.de/schulspiegel/bildungspolitik-bundesregierung-verfehlt-ihre-eigenen-ziele-a-1058473.html)

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