Volle Klassen, aber Lehrer fehlen noch

3. September 2015 | Von | Kategorie: Aktuell

SCHULBEGINN Wie viel Personal benötigt wird, ist noch offen – Finanzielle Mehrbelastung absehbar

An Gymnasien fehlen noch Lehrer, um die im vergangenen Jahr angeordnete verfassungswidrige Mehrarbeit auszugleichen. Das Land setzt auf Freiwilligkeit.

3.9.15 – Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube: „Zwei große Herausforderungen“ sieht die Ressortchefin im neuen Schuljahr auf sich zukommen: Die immer größer werdende Zahl von Flüchtlingskindern in den Schulen und die Umsetzung des Gerichts-Urteils, das die im vergangenen Schuljahr von der Landesregierung angeordnete Mehrarbeit von einer Wochenstunde für Gymnasiallehrer als verfassungswidrig einkassiert hat.
„Wir werden von Monat zu Monat neu schauen müssen“, sagt Heiligenstadt mit Blick auf die schulpflichtigen Flüchtlingskinder. Die Kultusministerin rechnet mit „25 000 bis 30 000 Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren“ bis zum Jahresende. Bei diesem Andrang werde die Landesregierung „Schulen und Lehrer nicht allein lassen“, verspricht Heiligenstadt („Wir tun, was wir können“), die aber nicht beziffern mag, wie viele Lehrkräfte noch zusätzlich – und teilweise ganz schnell – eingestellt werden müssen. Ein Arbeitskreis Flüchtlinge versucht im Ministerium, durch konkrete Abfragen bei den Schulen, gesicherte Zahlen zu den jeweiligen Belastungen vor Ort zu bekommen.
Zu unterschiedlich sind die Bedingungen. Wo in Ballungsräumen Schulen mit vielen Schülern und beengten Räumlichkeiten buchstäblich aus allen Nähten Platzen, wirken sich zusätzliche Flüchtlingskinder natürlich ganz anders aus als im ländlichen Raum, wo die zulässige Klassenstärke teilweise deutlich unterschritten wird.
Heiligenstadt mag sich deshalb auch die Berechnungen der Lehrergewerkschaft GEW nicht zu eigen machen, die von 2000 zusätzlichen Lehrkräften für Medersachsen wegen der Flüchtlingskinder ausgeht. Kostenpunkt: Mehr als 100 Millionen Euro. Aber dass die Kultusministerin demnächst mehr Geld von Finanzminister Peter-Jürgen Schneider (SPD) haben will, macht Heiligenstadt schon deutlich mit den Worten: „Wir werden bei weiter steigenden Flüchtlingszahlen noch nachsteuern müssen.“ Im Klartext: Der bereits verordnete Nachtragshaushalt scheint schon heute Makulatur zu sein.
Probleme bereiten auch die personellen Konsequenzen aus dem Urteil zur Arbeitszeit von Gymnasiallehrern, die demnächst wieder eine Wochenstunde weniger Unterricht geben müssen. Als Ausgleich wurden 740 zusätzliche Lehrkräfte errechnet. Tatsächlich konnten bislang erst 400 Stellen besetzt werden.
Zu Beginn des Schuljahrs wurden weitere 80 Stellen den Gymnasien zur Verfügung gestellt. Die weiter klaffende Lücke in der Unterrichtsversorgung will Heiligenstadt durch freiwillige zusätzliche Mehrarbeit von Vollzeit- und Teilzeitlehrern füllen. „Ich bin sehr optimistisch, dass an den Gymnasien und den anderen betroffenen Schulen Unterricht wie gewohnt stattfinden kann“, versichert die Kultusministerin, die aber keine Garantie abgeben will (oder kann). Weit erfreulicher entwickeln sich andere Bereiche.
An den Gymnasien gilt künftig wieder das Abitur nach insgesamt 13 Schuljahren (G 9). Dafür erhält Heiligenstadt Beifall, trotz mancher Detail-Probleme bei,der politischen Rolle rückwärts, für die allerdings die schwarz-gelbe Vorgängerregierung mit dem Turbo-Abitur nach zwölf Schuljahren verantwortlich zeichnet.
Dieses ungeliebte Schnell-Abi wird einkassiert. Mit dem alten Abitur wird in den Schuljahrgängen fünf und sechs sowie sieben und acht begonnen. „Im neuen G9 werden Kernfächer wie Deutsch, Mathematik oder die Fremdsprachen gestärkt, und es gibt mehr Berufs- und Studienorientierung“, versichert Ministerin Heiligenstadt.

(Quelle: Ostfriesenzeitung, 3.9.15)

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