„Wer Inklusion will, wird Wege ausprobieren“

24. Januar 2015 | Von | Kategorie: Inklusion
23.1.15 – Seit März 2009 ist in Deutschland die UN-Behindertenkonvention, die ein inklusives, allgemeines Bildungssystem für alle Kinder vorsieht, in Kraft. Seither wird in den einzelnen Bundesländern an Umsetzungsmodellen gearbeitet. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem vergangenen Jahr zeigt sich Deutschland bei der schulischen Inklusion allerdings als Flickenteppich. So gehen in Sachsen-Anhalt nahezu drei Mal mehr Schüler auf eine Sonderschule als in Schleswig-Holstein und und in Bremen besuchen vier Mal so viele Schüler mit Behinderung eine reguläre Schule wie in Niedersachsen. Welche Aufgaben müssen in Deutschland auf dem Weg zu einer inklusiven Schule noch erledigt werden? Antworten dazu von Prof. Dr. Rolf Werning vom Institut für Sonderpädagogik der Universität Hannover.

Herr Professor Werning, haben die Bundesländer in den sechs Jahre seit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention die entscheidenden Weichen für inklusive Bildung gestellt?

Rolf Werning: In allen Bundesländern gibt es eine Vielzahl von Initiativen zur Weiterentwicklung einer inklusiven Bildung. Dies umfasst rechtliche Rahmenbedingungen, Fortbildungsveranstaltungen für Lehrkräfte usw.. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass in den meisten Bundesländern seit dem Jahr 2000 kein nennenswerter Rückgang der Förderschulbesuchsquote festzustellen ist. Daneben steigt die Zahl der Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen, was insgesamt zu einem Anstieg der Förderquote führt. Es entwickelt sich so in vielen Bundesländern ein „Zwei-Säulen-Modell“: Neben der Säule der Förderschüler etabliert sich (zusätzlich) eine kleinere Säule von integrativ unterrichteten Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Ausnahmen bilden hier die Länder Bremen und Schleswig-Holstein. Hier ist es gelungen, die Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf sehr viel stärker in die Regelschulen zu integrieren.

In welchen Bereichen besteht noch Handlungsbedarf?

Rolf Werning: Inklusion trifft in Deutschland ab der Sekundarstufe I auf ein historisch gewachsenes, strukturell selektives Schulsystem. Dies führt zu vielen Schwierigkeiten und Paradoxien. Inklusion gelingt im Elementar- und Primarbereich deshalb auch deutlich besser, weil hier die Logik der Aufteilung der Kinder auf unterschiedliche Bildungsgänge noch nicht greift. Insgesamt ist es notwendig, dass auf den unterschiedlichen Ebenen des Bildungssystems klare Schritte hin zu einer Minimierung von Bildungsbenachteiligungen und einer Maximierung von sozialer Partizipation aller Kinder und Jugendlicher konsequenter umgesetzt wird. Dazu gehört auf bildungspolitischer Ebene die Klärung, wie in Deutschland ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen umgesetzt werden soll. Hier reicht es keinesfalls aus, diese Aufgabe allein den Lehrkräften in den Schulen aufzubürden. Zu prüfen ist, inwieweit bestehende Strukturen Exklusion fördern und zu Bildungsbenachteiligungen führen, um dann auf politischer Ebene Veränderungen einzuleiten. Weiterhin wird es notwendig sein, die Ressourcenfrage verlässlich zu klären und auf eine Vereinheitlichung der rechtlichen Rahmenbedingungen hinzuwirken. Auf der Ebene der Schulen darf Inklusion kein Additum bleiben. Vielmehr muss der Umgang mit der Heterogenität und Individualität der Schüler/innen im Zentrum der Schulentwicklung stehen. Dies wird dazu führen, flexiblere Strukturen aufzubauen, die dazu beitragen, für jeden Schüler und jede Schülerin förderliche Lern- und Entwicklungsbedingungen anzubieten. Bei den Lehrkräften wird es darum gehen Teamstrukturen aufzubauen, in denen Regelschullehrkräfte und Sonderpädagogen gemeinsam Unterricht planen und umsetzen. Inklusion setzt Zusammenarbeit voraus, um den Anforderungen an einen adaptiven Unterricht in heterogenen Lerngruppen gerecht zu werden. Sicherlich wird es auch notwendig sein, die Lehrerbildung an den Universitäten auf ein inklusives Bildungssystem hin auszurichten. Inklusion ist zudem nicht nur eine Aufgabe des Bildungsbereichs. Wichtig ist hier die politische Perspektive, Inklusion als eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung wahrzunehmen. Inklusive Schulen müssen gesellschaftlich gewollt sein.

Immer mal wieder wird in der Öffentlichkeit das Argument vorgetragen, inklusive Bildung habe ihre Grenzen. Gibt es denn wirklich Voraussetzungen, an dem man sagen kann: Hier stößt inklusive Bildung an ihre Grenzen. Und wann ist dieser Punkt erreicht?

Rolf Werning: Ja, inklusive Bildung hat ihre Grenzen. Grenzen ergeben sich aus vorhandenen Strukturen, aus vorhandenen Einstellungen und aus vorhandenen Praktiken. Wie gesagt, inklusive Bildung trifft in Deutschland auf ein strukturell selektives Schulsystem. Daraus ergeben sich Grenzen. Diese Grenzen sind aber nicht unverrückbar. Es sind sozial konstruierte Grenzen, die man verändern bzw. verschieben kann. Viele Lehrkräfte klagen zurzeit aufgrund der konkreten Bedingungen, unter denen sie Inklusion verwirklichen sollen. Andererseits zeigen viele Schulen, wie sie neue Wege finden, sodass möglichst alle Schülerinnen und Schüler erfolgreich in einer Schule miteinander lernen können, ohne dass die Lehrpersonen dauerhaft überfordert werden. Wichtig scheint mir zu sein, Lehrkräfte und Schulleitungen durch Inklusion nicht unter negativen Druck zu setzen. Negativer Druck tritt auf, wenn hohe Ziele formuliert werden, aber die Personen keine Möglichkeit sehen, diese Ziele zu erreichen. Positiver Druck entsteht, wenn Ziele vorgegeben werden und auf dem Weg dahin immer wieder – unter den konkreten Bedingungen – erreichbare Teilziele gemeinsam definiert werden. Inklusion ist kein Zustand, den man abschließend erreicht. Inklusion ist ein fortwährender Prozess mit der Herausforderung Diskriminierung abzubauen und soziale Teilhabe zu maximieren. Und hier kann jede Schule, jede Lehrkraft mit (kleinen oder größeren) Schritten beginnen, die unter den jetzigen Bedingungen möglich sind. Wer Inklusion will, wird Wege ausprobieren, wer sie nicht will, wird Grenzen suchen.

(Quelle, auch für das Bild: http://bildungsklick.de/a/93040/wer-inklusion-will-wird-wege-ausprobieren/)

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