Nordrhein-Westfalen: Immer wieder neue Hürden für die PRIMUS-Schule Berg Fidel

15. Februar 2014 | Von | Kategorie: Inklusion
12.2.2014 – (von Brigitte Schumann) Die über den Dokumentarfilm „Berg Fidel – eine Schule für alle“ bundesweit bekannt gewordene inklusive Gemeinschaftsgrundschule Berg Fidel in Münster bemüht sich seit 2011 intensiv um die Teilnahme am Modellversuch PRIMUS des Landes NRW. Mit PRIMUS soll an 15 Standorten erprobt werden, wie sich das durchgängige Lernen von Klasse 1-10 durch das Zusammenwachsen von Primar-und Sekundarstufe auf die Lern-und Leistungsentwicklung und das Sozialverhalten von Schülerinnen und Schülern sowie die Bildungsgerechtigkeit auswirkt. Nachdem die Genehmigung für den 1. Jahrgang zum nächsten Schuljahr vorliegt, könnte im letzten Augenblick trotz aller Anstrengungen der Schule und ihrer nachweislichen pädagogischen Erfolge der PRIMUS-Start mit dem 5. Jahrgang an einer unsinnigen Formalität scheitern. Vor allem das Schulministerium kann jetzt politisch beweisen, dass es nicht nur verbal hinter der mutigen pädagogischen Konzeption von Berg Fidel steht.

Der Kampf gegen kommunalpolitische Widerstände

Es war schon ein hartes Stück Arbeit, Verwaltung und Politik im Rat der Stadt Münster dazu zu bewegen, sich mit Berg Fidel beim Schulministerium für die Teilnahme am Modellversuch zu bewerben. Drei Ereignisse wurden letztlich ausschlaggebend für den positiven Ausgang: Der Dokumentarfilm „Berg Fidel – Eine Schule für Alle“ von Hella Wenders machte die Schule und damit auch ihre Vision von einer inklusiven Schule ohne Übergänge und Brüche von Klasse 1 bis 13 bekannt. Seitdem gibt es eine große Nachfrage nach Hospitationen aus allen Bundesländern. Zeitgleich erschien das anregungsreiche Praxisbuch über die pädagogische Arbeit der Schule, in dem auch die Konzeption von 1-13 anschaulich erläutert, fachlich fundiert begründet und reflektiert wird. Obendrein stemmte die Schule zusammen mit einer äußerst aktiven Elterninitiative im November 2012 den Praxiskongress, auf dem mehr als 400 Teilnehmer/innen – darunter zahlreiche ausgewiesene Wissenschaftler/innen und Schulpraktiker/innen – sich unter verschiedenen Fragestellungen konkret mit dem inklusiven Konzept 1-13 auseinandersetzten. Auch der Bundesbeauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Hubert Hüppe, gehörte zu den Unterstützern. Der Kongress forderte den Schulträger in einer Resolution auf, Grünes Licht für die Teilnahme von Berg Fidel am PRIMUS- Modellversuch zu geben.

Der Kampf um Zahlen

Nachdem Rat und Verwaltung gewonnen worden waren, mussten in einer stadtweiten Elternbefragung genügend Eltern ihr Interesse an einer PRIMUS-Schule bekunden. Damit war ein hoher Aufwand an Information und Diskussion verbunden. Aber auch diese Hürde konnte erfolgreich genommen werden, so dass einem entsprechenden Ratsbeschluss zur Beantragung der Teilnahme am Modellversuch am 19.6. 2013 nichts mehr im Wege stand. Im November 2013 musste für den PRIMUS-Start in Klasse 1 die vom Ministerium festgelegte Zahl von mindestens 50 Anmeldungen von Erstklässlern für das kommende Schuljahr erreicht werden. Am 14.2. soll nun die ministeriell festgelegte Mindestzahl von 75 Anmeldungen darüber entscheiden, ob PRIMUS zum nächsten Schuljahr auch in Klasse 5 an den Start gehen darf. Erst damit kann der entscheidende Schritt beginnen, das pädagogische Konzept von Berg Fidel auf die Sekundarstufe zu übertragen, anzupassen und jahrgangsweise weiterzuentwickeln.

Eltern und Wissenschaftler für PRIMUS

In großer Sorge, dass am Ende wegen fehlender Anmeldezahlen der Start von Klasse 5 scheitern könnte, hat sich jetzt die Elternschaft der Grundschule Berg Fidel in einem Brief an das Schulministerium, die Bezirksregierung, den Oberbürgermeister und die Ratsfraktionen der Stadt gewendet. Die Eltern wünschen für ihre Kinder, die derzeit die Grundschule Berg Fidel besuchen, eine Fortsetzung des gemeinsamen Lernens und konkret für die jetzigen Viertklässler, dass im nächsten Schuljahr in Klasse 5 die „hervorragende und an den Bedürfnissen der Kinder orientierte Arbeit und Pädagogik“ der Grundschule fortgeführt wird. Zahlen dürften nicht mehr wert sein als das Wohl der Kinder, mahnen die Eltern und appellieren an die Einsicht der politisch Verantwortlichen.

In einem gemeinsamen Brief haben auch namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die .Arbeit der Schule kennen, sich jetzt bei der Ministerin und der Stadt Münster zu Wort gemeldet. Sie bitten eindringlich, „von der Maßgabe einer bestimmten Schülerzahl Abstand zu nehmen, so dass die PRIMUS-Schule im Schuljahr 2014/15 mit ihrer erfolgversprechenden Arbeit auch in Jahrgang 5 beginnen kann“. Für die Weiterentwicklung von Inklusion in der Sekundarstufe brauche es Modellschulen wie Berg Fidel, die allen Kindern, insbesondere denen mit benachteiligten sozialen Lebenslagen, bessere Bildungschancen geben, die damit zu „anregenden Lernfeldern für viele andere Schulen“ werden und der Schulforschung neue Erkenntnisse liefern.

Politischer Vertrauensvorschuss für pädagogische Innovation

Die wenigen PRIMUS-Schulen, die bislang in NRW auf den Weg gebracht worden sind, sind bei weitem nicht so ambitioniert und haben nicht den visionären Atem von Berg Fidel. Das macht einerseits die Attraktivität von Berg Fidel aus. Andererseits macht es Eltern aber auch zögerlich, auf das völlig Neue bei der Schulwahl der weiterführenden Schule für ihr Kind zuzugehen, und zwar selbst dann, wenn sie das Projekt eigentlich unterstützen. Das Neue muss erst einmal die Chance bekommen, seine Wirksamkeit zu zeigen. Auch dies geben die Wissenschaftler in ihrem Brief zu bedenken. Ein Münsteraner Vater in einer Informationsveranstaltung drückte es so aus: „Jeder Geschäftsmann, der etwas Neues wagt, braucht einen Vorschuss, damit er loslegen kann. Wieso gilt das hier nicht?“ Und ausgerechnet – so möchte man hinzufügen – bei einem Projekt, das mit seiner konzeptionellen Ausrichtung die Bewährungsprobe in der Primarstufe schon längst bestanden hat.

(Quelle: http://bildungsklick.de/a/90313/immer-wieder-neue-huerden-fuer-die-primus-schule-berg-fidel/)

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Ein Kommentar
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  1. EX-kLUSION = AUS-SCHLUSS und
    IN-KLUSION = EIN-SCHLUSS.
    Der Wechsel von einem ins andere EX-trem, zeigt, dass wir alle noch nicht verstanden haben, worum es überhaupt geht.
    Wer sind wir denn überhaupt, dass wir uns erdreisten, junge Menschen AUS- oder EINzuschließen?

    Als Ich-kann-Schule-Lehrer verlange ich, dass wir endlich einmal aufwachsen und die SCHULE AUF-SCHLIESSEN.

    Unsere Unterrichtsvollzugsanstalten, die wir völlig irreführend Schule nennen, sind immer noch ein künstliches, vom Leben AB-GESCHLOSSENES Konstrukt.
    In dieser Künstlichkeit soll ein junger Mensch Natürlichkeit lernen?
    Von Papieren von gestern und vorgestern herunter, die auch völlig irreführend Lehrplan genannt werden, soll DAS LEBEN von heute und morgen gelernt werden?
    Ja, geht´s denn noch?

    Die pädagogischen „Innovationen“ sind doch in aller Regel nichts als eine Flucht:
    Um davon abzulenken, dass man das Alte nie verstanden hat, muss das Neue her.
    Das wird dann auf dem Papierweg von oben herab angeordnet und durchgedrückt.

    In der neuen Ich-kann-Schule ist das anders.
    Da muss erst einmal eine Lösung für das alte Problem gefunden werden.
    Nur auf der Basis konkreter Problemlösung wird Neues angegangen.
    Dann braucht es auch kein „Von oben herab“ und keinen Druck;
    dann hat das und haben wir SOG-Wirkung,
    und die ZIEHT nach vorne.
    Und das erleben wir dann ganz konkret und praktisch.
    Ich grüße freundlich.

    Franz Josef Neffe

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