GEW: Wird das Sitzenbleiben abgeschafft?

14. Mai 2013 | Von | Kategorie: Schule

8.5.13 – Die rot-grüne Landesregierung will das Sitzenbleiben in Niedersachsen abschaffen, meldeten Frauke Heiligenstadt und Ina Korter, die bildungspolitischen Sprecherinnen von SPD und Grünen, mitten aus den Koalitionsverhandlungen und pünktlich zu den Halbjahreszeugnissen – und erlangten große Aufmerksamkeit in den Kollegien der niedersächsischen Schulen und bundesweit in den Medien. Die jährlich mehr als 14.000 WiederholerInnen in Niedersachsen sollten, so Korter, nicht länger persönlich gedemütigt werden.

Es folgte eine aufgeregte und ideologisch aufgeheizte Kampagne. Die nun oppositionelle FDP-Landtagsfraktion kritisierte: „Bei Rot-Grün sollen die Kinder nur noch lernen, dass der Staat auch ohne eigene Anstrengung für sie sorgt“, so der schulpolitische Sprecher Björn Försterling. Die CDU-Fraktionsvorsitzenden aus Niedersachsen (Björn Thümler), Nordrhein-Westfalen (Karl-Josef Laumann) und Rheinland-Pfalz (Julia Klöckner) sprachen sich in einem in der FAZ veröffentlichen Grundsatzpapier gemeinsam gegen eine Abschaffung des Sitzenbleibens aus. Die CDU setze weiter auf das Prinzip „Ehrgeiz und Leistungsbereitschaft“, das mit Hilfe des bestehenden Systems am besten auf das Berufsleben vorbereiten würde.

Aber gemach: So schnell wird die neue Regierung ihre Vorstellung von einer Schule ohne Wiederholer nicht umsetzen. Mit der SPD werde es keine Schnellschüsse geben, betont die Schulexpertin Heiligenstadt. Bislang gäbe es weder einen zeitlichen Fahrplan noch einen Finanzierungsvorschlag für die erforderlichen Förderstunden und das entsprechende Personal. Die Finanzierung der entstehenden Zusatzkosten müsse erst noch geprüft werden. Mit diesen Aussagen sollten Erwartungen auf eine rasche Umsetzung des Ziels gedämpft werden, interpretierte die Presse.
Der Landesvorsitzende der GEW, Eberhard Brandt, befürwortet die rot-grünen Ziele, betont aber: „Nur das Abschaffen des Sitzenbleibens allein bringt nichts. Dann muss auch die Förderung kommen. Das kostet Geld.“ So habe z.B. Bremen die höchste Wiederholerquote aller Bundesländer, obwohl dort das Sitzenbleiben formal abgeschafft wurde. Die Eltern folgen dort dem Rat der Schulen, eine freiwillige Wiederholung zu beantragen. Gewonnen ist also mit der rechtlichen Abschaffung des Sitzenbleibens alleine noch gar nichts, so Brandt.
Notwendig sei dieses Ziel, weil nach einschlägigen Studien SchülerInnen nach einem Wiederholungsjahr nicht unbedingt bessere Leistungen erbringen, denn sie werden aus dem bestehenden Klassenverband herausgerissen. Dass die Realisierung möglich ist, zeigen Erfahrungen aus zwei Schulformen in Niedersachsen, in denen es keine Versetzung und damit kein Sitzenbleiben gibt. Aus deren Erfahrungen mit dem Aufrücken könne man lernen, welche Bedingungen für die Überwindung des Sitzenbleibens erforderlich sind.
Seit Gründung der ersten Integrierten Gesamtschulen in Niedersachsen gibt es an dieser Schulform von der 5. bis zur 10. Klasse nur das Aufrücken und als seltene Ausnahme die freiwillige Wiederholung. Die IGS bietet die Leistungsanforderungen aller Bildungsgänge des gegliederten Schulsystems, deshalb ist hier niemand auf der falschen Schule und muss aus diesem Grund ein Schuljahr wiederholen. Förderkonzepte werden im Rahmen des gebundenen Ganztages eingerichtet. In den Arbeits- und Übungsstunden, in denen die SchülerInnen entsprechend ihrem Entwicklungsstand arbeiten, werden sie von den Fachlehrkräften unterstützt und individuell gefördert, die auch den regulären Unterricht erteilen. Die 40 neu gegründeten Gesamtschulen erhalten bisher keinen gebundenen Ganztag mit den entsprechenden Zusatzstunden und können deshalb nur mit Notmaßnahmen die Förderung in Arbeits- und Übungsstunden anbieten. Die Kollegien dieser neuen IGSen wissen, was es heißt, pädagogische Ziele ohne die erforderliche Personalausstattung zu verfolgen. Sie haben diese Selbstausbeutung auf sich genommen, weil sie dringend auf die Wiedereinführung des gebundenen Ganztags warten. Diese wurde mittlerweile von Kultusministerin Heiligenstadt angekündigt. Die ersten Schritte dazu müssen unbedingt zum neuen Schuljahr umgesetzt werden.

Auch in den Grundschulen gibt es das Aufrücken, und zwar vom ersten in den zweiten Schuljahrgang. So haben die SchülerInnen zwei Schuljahre Zeit, um die Lehrgangsziele in Lesen, Schreiben und Mathematik zu erreichen. Danach, beim Übergang in den dritten Schuljahrgang, ist bisher eine Versetzung vorgesehen. Im Zuge der Inklusion schlagen GEW, VBE und Grundschulverband vor, das Aufrücken bis zur 4. Klasse auszuweiten. Weil in den inklusiven Grundschulklassen SchülerInnen mit unterschiedlichen Lernständen normal sind, ist es nicht sinnvoll über eine Versetzung oder ein Sitzenbleiben zu befinden. Für diesen Vorschlag sprechen auch die guten Erfahrungen aus der flexiblen Eingangsstufe. Auch die Grundschulen benötigen für die höheren Ansprüche an individueller Förderung mehr Zeit und mehr Personal. Ziel ist ein strukturierter Ganztag mit Übungs- und Förderstunden und zeitweise Doppeleinsatz von Lehrkräften und sozialpädagogischen Fachkräften, nachzulesen in dem Papier „Die inklusive Ganztagsgrundschule“, das die GEW gemeinsam mit dem VBE und dem Grundschulverband erarbeitet hat.

(Quelle: http://gew-nds.de/index.php/bildungsbereiche/allgemeinbildende-schulen/446-gut-ding-will-weile-haben)

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