Lernen wie alle anderen auch – Mit engagierten Eltern und Lehrern und der passenden Ausstattung

6. März 2013 | Von | Kategorie: Inklusion

18.02.2013 – Charlotte geht in die vierte Klasse einer niedersächsischen Grundschule. Sie ist eine gute Schülerin. Nach dem Sommer will sie in ein Gymnasium wechseln. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Nur, dass Charlotte auf einen elektrischen Rollstuhl angewiesen ist und außer einem Finger nichts koordiniert bewegen kann. Sie ist Tetra-Spastikerin. Dass sie dennoch erfolgreich eine Regelgrundschule besucht, liegt an dreierlei: an ihren Eltern, an der Schule und an einem ganz besonderen Werkzeug. Inklusion ist machbar – das zeigt Charlottes Beispiel. Es zeigt aber auch, was Eltern oft leisten müssen, um das Recht auf Bildung für ihre Kinder durchzusetzen, und dass Schulen und Behörden viel tun müssen, um inklusiven Unterricht umzusetzen.

Anfangs besuchte Charlotte die erste Klasse einer Körperbehindertenschule im 50 Kilometer entfernten Hannover. Die Familie wohnt in Edemissen, einer Gemeinde mit rund 12 000 Einwohnern im Landkreis Peine. „Wir haben unsere Tochter sehr offen erzogen. Sie wächst ganz normal auf, mit Freunden und Freundinnen, mit Kindergeburtstagen, Ausflügen und allem, was zum Kindsein gehört. Ihre Behinderung ist hier in ihrem Lebensumfeld ausblendet“, berichtet ihr Vater Sören Ahrens. Doch diese Normalität geriet mit der Einschulung in Gefahr. „Sie wurde hervorragend beschult.“ Darüber konnten sich die Eltern zunächst nicht beschweren. Aber wenn Charlotte nachmittags um 17 Uhr nach einem langen Schultag mit insgesamt zwei Stunden Fahrzeit nach Hause kam, blieben weder Zeit noch Kraft für soziale Kontakte. Außerdem zeigte sich bald, dass die Schule nicht ausreichend auf Charlottes Talente eingehen konnte und die Chance auf eine anschließende gymnasiale Ausbildung rückte rasch in weite Ferne.

Kollegium: „Ja, das können wir uns vorstellen.“

Charlottes Eltern zogen kurzerhand die Reißleine. Sie wechselten die Schule – mitten im laufenden Schulhalbjahr. „Wir haben einfach die örtliche Schule gefragt und das Kollegium hat gesagt: Ja, das können wir uns vorstellen.“ Damals hatte die Schule bereits Erfahrung mit dem Regionalen Integrationskonzept (RIK), einem Programm, das Niedersachsen zur Integration von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf entwickelt hatte. Ein weiterer Vorteil: Das Schulgebäude war neu und der mögliche Einbau eines Aufzugs bereits vorgesehen.

Doch wie würde der Schulalltag aussehen? „Natürlich gab es auch Bedenken: Schafft Charlotte das, schaffen wir Lehrer das?“, erzählt Anne Bürger, Charlottes Mathematiklehrerin. Charlotte kann kaum mit einem Stift schreiben, ihre Stimme ist sehr leise und nach einem fünfminütigen Referat ist sie erschöpft und braucht eine Auszeit. Vieles wird durch die Einzelfallhelferin erleichtert, die Charlotte während des gesamten Unterrichts begleitet. Sie kann ihr aber nicht das Lernen abnehmen, nicht für sie die Arbeitsblätter ausfüllen oder die Rechenlösungen aufschreiben. All das, wofür andere Kinder einen Stift, ein Heft oder ein Buch benutzen, muss Charlotte am Computer erledigen.

Mit Tastatur, Maus, Dragball oder per Lidschlag

Ausfüllbare PDFs sind nichts Neues und mit Word schreiben oder mit Excel rechnen, das kennt jeder. Doch solche Programme würden Charlotte im Schulalltag nicht weiterhelfen. Schließlich kann sie keine Standardtastatur benutzen und das Multiplizieren oder Addieren in einem Word- oder Excel Dokument ist viel zu umständlich, als dass es im Unterricht funktionieren würde. „Sie sollte möglichst genauso gut und in der gleichen Zeit mit den Arbeitsmaterialien zurechtkommen wie die anderen Schüler auch“, erklärt Anne Bürger. Und dabei hilft ihr jetzt eine spezielle Software: MULTiTEXT.

Entwickelt hat sie Fritz Hindelang aus Marktoberndorf – ursprünglich für eine Schlaganfallpatientin aus seiner eigenen Familie. Schnell stellte sich aber heraus, wie sinnvoll der Einsatz an Sonder- oder Förderschulen ist. Unterdessen nutzen rund 300 Sonder- und Förderschulen und weitere 1000 Schüler im deutschsprachigen Raum das Programm. Schulbücher, Arbeitshefte oder Arbeitsblätter werden zunächst komplett digitalisiert und alle Materialien, die von den Schülern ausgefüllt werden sollen, einem weiteren Prozess unterzogen. Egal, ob es um einen Lückentext im Fach Deutsch geht, um Additions- oder Multiplikationsaufgaben im Fach Mathematik oder um das Notenschreiben im Musikunterricht: Am PC können die Kinder dann – mit Tastatur, Maus, Dragball oder sogar per Lidschlag – genauso unkompliziert arbeiten wie mit Stift und Papier.

„Auch der Übertrag bei der Addition wird berücksichtigt, der Cursor springt mit nur einem Befehl an die richtige Stelle und die Übertragszahlen werden optisch anders dargestellt“, erklärt Fritz Hindelang eine alltägliche Aufgabe. Wenn es also darum geht, die Aufgaben 4×6, 7×5 oder 5×6 zu lösen, dann füllen die Schüler mit ihren Stiften eifrig die leeren Kästchen aus, während Charlotte genauso schnell mit einem Klick auf das Lösungsfeld des Cornelsen-Arbeitshefts Einstern die passende Lösung eingibt. Cornelsen stellt alle Schulbücher und Arbeitshefte für eine Aufbereitung durch MULTiTEXT zur Verfügung.

Viel Überzeugungsarbeit und unzählige Behördengänge

Doch mal eben das Programm einsetzen – das funktionierte dann doch nicht ganz so reibungslos. Dazu brauchte es viel Überzeugungsarbeit, unzählige Behördengänge und etliche Gespräche mit den Schulbuchverlagen. Denn Schulbücher und Arbeitshefte in digitalisierter Form gab es vor wenigen Jahren nicht – mit einer Ausnahme: für die Blindenschulen. Für die Eltern von Charlotte war klar: diese Ausnahme musste erweitert werden und gemeinsam mit Fritz Hindelang suchten sie den Kontakt mit den Schulbehörden und den Schulbuchverlagen.

„Heute sind wir einen großen Schritt weiter“, sagt Fritz Hindelang. „Wir haben mit verschiedenen Verlagen vereinbart, dass wir die Schulbücher für MULTiTEXT aufbereiten können und der Kunde kann dann beim Verlag diese Materialien kaufen.“ Lehrer können außerdem ihre eigenen Arbeitsblätter einscannen und für die Computerbearbeitung einrichten.

„Das ist ein Arbeitsschritt, der für mich als Lehrkraft dazu kommt“, räumt Anne Bürger ein. „Zu Anfang hat es etwas länger gedauert, aber mit entsprechender Routine geht es immer schneller. Einfach sind zum Beispiel Arbeitsblätter für den Deutschunterricht. Etwas schwieriger ist es beim Fach Mathematik, weil die einzelnen Felder der Arbeitsblätter definiert werden müssen.“ Die Schule kann die Arbeitsblätter auch direkt beim MULTiTEXT-Unternehmen Hindelang aufbereiten lassen. Kosten pro Seite: ein Euro.

Mittlerweile lernt Charlotte mit den gleichen Büchern, Arbeitsheften und Arbeitsblättern wie ihre Mitschüler, erklärt Sören Ahrens. „Wenn die Lehrerin sagt: Wir schlagen heute im Mathematikbuch Seite 36 auf und im Arbeitsheft Seite 17, dann öffnet Charlotte diese Bücher als zwei nebeneinanderliegende Seiten am Bildschirm. Sie macht also genau das gleiche wie die anderen Kinder – nur mit einem speziellen Werkzeug. Allerdings musste sie das in dieser Komplexität erst einmal lernen – das war eine Herausforderung.“

„Eine Sonderstellung unter vielen“

Inklusion – das bedeutet gemeinsam leben und gemeinsam lernen. Doch wie funktioniert diese Gemeinsamkeit in der Klasse, wenn ein Kind eine Sonderstellung hat? „Klar hat sie eine Sonderstellung. Sie ist die einzige mit Rollstuhl, die einzige, die eine Einzelfallhelferin hat“, bestätigt Anne Bürger. “ Aber es gibt auch andere Schüler in der Klasse, die eine Sonderstellung haben, weil sie im Umgang mit anderen Kindern zu oft anecken und sozial auffällig sind oder weil sie Lernschwierigkeiten haben. Insofern ist es eine Sonderstellung unter vielen, die es in jeder Klasse gibt. Es gibt immer Schüler, die mehr Aufmerksamkeit erfordern.“

„Eine ganz große Leistung, die die Lehrerinnen vollbracht haben“

Trotzdem bewundert Sören Ahrens, mit welcher Selbstverständlichkeit die Schule Charlotte aufgenommen hat. „Die Lehrerinnen haben es geschafft, den Kindern eine andere Sichtweise zu geben. Kürzlich hatte sich ein Kind das Bein gebrochen und war vorrübergehend gehbehindert. Die anderen haben ganz selbstverständlich Rücksicht genommen. Es ist faszinierend: Wenn die Lehrerin die Hand hebt, dann ist die Klasse so still , dass Charlotte mit ihrer leisen Stimme durchkommt und die Kinder warten geduldig, weil da jemand ist, der ein wenig länger braucht, um die Antwort zu artikulieren. Das ist eine ganz große Leistung, die die Lehrerinnen vollbracht haben.“

Dass Charlotte erst mit dem für sie passenden Schulbuch am Regelunterricht teilnehmen kann, liegt auf der Hand. Anders war es anfangs mit der Antwort auf die Frage: Wer zahlt das? Schulträger, Landkreis und Krankenkasse konnten sich nämlich nicht einigen. Und die Eltern mussten gegen ihren Willen den Landkreis verklagen. „Damit dieser dann den Prozess verliert und sagen kann: Ja, wir müssen zahlen, das Urteil schreibt dies vor.“

Doch die nächste Hürde ist schon in Sicht: Der Wechsel auf das Gymnasium. Die Schulen machen ihre Zusagen in der Regel sechs bis acht Wochen vor Schuljahresende. „Aber allein Budgetverhandlungen mit dem Landkreis dauern drei bis fünf Monate – das passt nicht“, sagt Charlottes Vater. Aber auch hier werden die Ahrens` nicht locker lassen: „In Niedersachsen gilt ab August 2013 die freie Schulwahl und das werden wir konsequent nutzen.“ Und Sören Ahrens fügt noch hinzu: „Wir stemmen uns nicht gegen die Behinderung unseres Kindes, aber dass Eltern sich für etwas Selbstverständliches so extrem engagieren müssen, nämlich für das Recht der Kinder auf Bildung, das ist nur ganz schwer zu ertragen.“

(Quelle: http://bildungsklick.de/a/86859/lernen-wie-alle-anderen-auch/)

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