Niedersachsen: Lediglich 9,7 Prozent besuchen eine gebundene Ganztagsschule
5. Juni 2012 | Von j.kramm | Kategorie: Ganztagsschule
Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung haben zwei aktuelle Studien eines der größten Reformprojekte im deutschen Schulwesen untersucht, den Ausbau der Ganztagsschule. Zehn Jahre nachdem der massive Ausbau mit Bundesmitteln begann, lautet das zentrale Ergebnis: Zwar unterrichtet mittlerweile bundesweit jede zweite Schule ganztags, aber es fehlt an übergreifenden Kon-zepten und Qualitätsstandards. Die Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) kommt gar zu dem Schluss, der bisherige Ausbau mit seinen vielen unterschiedlichen Organisationsformen des Schulalltags sei „eine Reise in die Zukunft ohne klares Ziel”.
Damit bleibt die Ganztagsschule als Schultyp unter ihren Möglichkeiten. Denn vor allem der gebundenen Ganztagsschule – das sind Schulen mit für alle Schüler verbindlichen Ganztagsangeboten – attestiert die DJI-Studie ein hohes Potenzial, soziales und kognitives Lernen besonders gut zu fördern. „Die gebundene Ganztagsschule bietet gegenüber der offenen Ganztagsschule die besseren Rahmenbedingungen, um jedes Kind individuell zu fördern”, sagte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Zudem sei es einfacher, Konzentrations- und Entspannungsphasen abzuwechseln und den starren 45-Minuten-Takt aufzubrechen.
Obwohl relativ viele niedersächsische Schüler Ganztagsangebote nutzen, liegt das Land beim gebundenen Ganztag zurück. Lediglich 9,7 Prozent der niedersächsischen Schüler besuchten im Schuljahr 2010/11 eine gebundene Ganztagsschule (bundesweit: 12,7 Prozent). Dementsprechend teuer käme es das Land, allen Schülern Zugang zum gebundenen Ganztag zu ermöglichen. Von den bundesweit 9,4 Milliarden Euro zusätzlich, die eine solche flächendeckende Versorgung jährlich kosten würde, entfielen 863 Millionen Euro auf Niedersachsen. Das hat der Essener Bildungsforscher Prof. Klaus Klemm für die Bertelsmann Stiftung berechnet.
Damit die Ganztagsschule ihr Potenzial ausschöpfen kann, nennt die DJI-Studie drei wesentliche Faktoren: Erstens eine regelmäßige Teilnahme aller Schüler, zweitens eine hohe Qualität der Lernangebote und drittens eine Einbettung in kommunale Bildungslandschaften – also die systematische Zusammenarbeit etwa mit Kindertagesstätten, anderen Schulen, Ausbildungsbetrieben, Musikschulen und Sportvereinen.
Um dem quantitativen und qualitativen Ausbau den nötigen Nachdruck zu verleihen, spricht sich Dräger für einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz aus. „Jedes Kind in Deutschland sollte die Möglichkeit haben, eine gebundene Ganztagsschule zu besuchen. Mehr Ganztagsschulen alleine helfen allerdings nicht. Wir müssen auch dringend das konzeptionelle Vakuum überwinden, das die Ganztagsschule heute noch umgibt”, sagte Dräger. Der weitere Ausbau solle sich am Leitbild der individuellen Förderung orientieren, um die Qualität des Unterrichts zu verbessern. „Sonst werden die Potenziale der Ganztagsschule weitgehend verschenkt”, so Dräger.
Rüdiger Bockhorst, Telefon: 0 52 41 / 81-81508
E-Mail: ruediger.bockhorst@bertelsmann-stiftung.de
Publikationshinweise:
http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-58DD663F-E17C900C/bst/hs.xsl/publikationen_112227.htm
Klaus Klemm: Was kostet der gebundene Ganztag? Berechnungen zusätzlicher Ausgaben für die Einführung eines flächendeckenden Ganztagsangebots in Deutschland im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2012.
www.bertelsmann-stiftung.de/ganztag
Pressemeldung
Gütersloh, 05.06.2012



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